Nein, nicht nur Frauen menstruieren!

CN: Menstruation, Blut, Cissexismus, Sex

tl;dr: Enbys, intersex Menschen und Trans*Männer menstruieren eventuell auch. Wer einen Uterus hat, hat die „Fähigkeit“ dazu, unabhähig vom (gelesenen) Geschlecht.

Ich laufe in einen Drogeriemarkt. Auf der Suche nach Tampons. Ausnahmsweise mal nicht für mich zum benutzen sondern zum häkeln kleiner Taschenmonster. Das erste Mal seit Langem achte ich tatsächlich darauf, was am Regal steht. Und was auf den Packungen steht. Das Regal ist mit „Damenhygiene“ betitelt. Die Produkte sind „Damenbinden“ oder „Lady Ultra Mini“. Die Packungen sind häufig pink oder lila, mit Schmetterlingen und Blumenmustern. Kaufen kann „frau“ Tampons, Binden und Slipeinlagen. Seit kurzen gibt es auch „Menstruationstassen“ hier zu kaufen.

Ich stehe also vor diesem Regal und überlege, welche Tampons ich kaufe und wundere mich warum mir die vielen Jahre, die ich jetzt schon Tampons kaufe, nie aufgefallen ist, wie sehr alle Produkte „für Frauen“ schreien. Dann fällt mir ein, dass ich eigentlich schon immer nur zum Regal hetzte, die Tampons, die ich brauche, schnappe und möglichst schnell von diesem „Regal der Schande“ weghaste. Meinstens richtete ich es auch so ein, dass die Tampons das letzte sind, was ich aus dem Laden brauche, damit ich dann gleich zur Kasse kann, bezahlen, und dann endlich die Packung in den Tiefen des Rucksacks verschwinden lassen kann.

Als ich mich dann entschieden habe welche Tampons ich in die kleinen Monster packen will, gehe ich zur Kasse und bezahle. Diesesmal achte ich darauf, warum ich mich so dafür schäme Tampons zu kaufen. Mein erstes Gefähl ist: weil Menstruation ein Tabu ist und darüber nicht gesprochen wird, es ein Geheimnis ist, wann und wie lange ich blute und was ich zum Auffangen benutze. Denn wenn ein Mitmensch mitbekommt, dass ich Tampons kaufe oder in der Hand habe, sorgt das für komische Blicke, Hänseleien oder gar Handgreiflichkeiten. Diese Sachen kommen mir in den Kopf, da das alles Sachen sind, die ich den 5 Jahren Schule, während denen ich menstruierte, gelernt und erlebt habe.

Beim weiteren darüber Nachdenken, jetzt schon auf dem Fahrrad sitzend, von Autos fast überfahren werdend, wird mir dann aber klar, dass diese Erfahrungen vielleicht ein Teil des Problems aber definitiv nicht der Hauptgrund sind. Ich kann offen über meine Mens reden, mich mit anderen austauschen unabhängig ob diese auch menstruieren oder nicht. Das kann es also nicht alleine sein. Aber was ist es dann? Ich kann an diesem Tag und auch anderen darauf folgenden Tagen diese Frage nicht beantworten. Auch wenn ich immer mehr ahne, woran es liegen könnte.

Einige Zeit später, vermutlich ein paar Tage, vielleicht auch ein paar Wochen, lese ich mal wieder in meiner Twitter-Timeline etwas zu trans* Menschen. Es geht um den offenen und versteckten Cissexismus, der uns trans* Menschen entgegenweht. Vorallem non-passing binary trans* Menschen und non-binary trans* Menschen. Wie (fast) alles um uns herum binärgeschlechtlich codiert ist. Es gibt Shampoo „for her“ und „for him“. Rasierer in Blau- und Schwarztönen für Männer™ und in Pink- und Lilatönen für Frauen™ (welche meistens auch noch teurer sind). Es gibt in Bekleidungsläden die Frauen™-Abteilung und die Männer™-Abteilung. So geht das Ganze weiter mit Toiletten, Spielzeug, Schuhen, Büchern … Ich könnte noch stundenlang aufschreiben, was sonst noch alles binärgeschlechtlich codiert ist; da das aber nicht das Thema sein soll, belasse ich es erst einmal bei ein paar offensichtlichen Beispielen, damit auch alle, denen das (noch) nicht aufgefallen ist, erst einmal einen Überblick bekommen. Mir und vermutlich vielen anderen Enbys fällt sowas täglich auf und zeigt, meist schmerzlich, wie sehr diese Gesellschaft uns nicht wahrnimmt. Beim Lesen dieser Tweets wird mir dann klar, warum ich Tampons und eigentlich alles, was mich als Person von außen als „menstruierend“ erkennbar macht, nicht leiden kann. (Ganz abgesehen von den gesundheitlichen Problemen wie TSS oder der große Haufen Müll).

Die Gesellschaft beschreibt zum einen, dass nur Frauen™ (und oft auch das *alle* Frauen™) menstruieren, und zum anderen dann auch, dass alle, die menstruieren, Frauen™ sind. Genau hier liegt das Problem. Das ist schlicht falsch. Weder menstruieren alle cis Frauen noch menstruieren nur Frauen™. Nicht alle Menschen, die menstruieren, sind cis Frauen. Um diesen Punkt zu verdeutlichen, hier nochmal kurz die Definition von Menstruation von Wikipedia:
>>Die Menstruation ist die periodisch wiederkehrende Blutung aus der Gebärmutter, die umgangssprachlich „Monatsblutung“ oder „Periode“ genannt wird.<<[1]
Das bedeutet, dass alle Menschen, die eine Gebärmutter haben, theoretisch zum Menstruieren in der Lage sind. (Wiederkehrende Schmerzen im Unterleib von Menschen ohne Gebärmutter existieren auch, ist aber kein Thema, zu dem ich etwas sagen kann/will da ich nicht selbst betroffen bin oder eine Person kenne, die betroffen ist.) Da alle Menschen mit Gebärmutter die „Fähigkeit“ haben, sind eben nicht nur cis Frauen betroffen. Es gibt da zum Beispiel Enbys wie mich. Ich wurde mit einer Gebärmutter gebohren und habe einen monatlichen Zyklus. Es gibt aber auch intersex Menschen die bei der Geburt als „Junge“ deklariert wurden, dann aber später feststellen, dass sie eine Gebärmutter haben. Ebenso gib es trans* Männer, die menstruieren. Mit dieser falschen Einstellung, dass nur Frauen™ menstruieren, kommen einige Probleme. Zum einen werden trans* Männer von jeglichen Konversationen zu Themen diesbezüglich im besten Fall vergessen, im schlimmsten ausgeschlossen. Auch ist dann da noch das Problem mit Mülleimern auf Toiletten. Insbesondere Pads, aber auch Tampons gehören nicht in die Toilette sondern den Mülleimer. Wenn aber keiner in den Kabinen ist, wird das schwierig. Doch die Toilette runter? Sich outen und bei den Waschbecken wegwerfen, wo dann evtl Menschen, die Probleme mit Blut haben, es sehen könnten? Oder für das Benutzen von Menstrationshygieneprodukte im schlimmsten Fall noch aus der Toilette geworfen werden oder verprügelt werden? Als Enby kann ich nicht allumfassend für die Erfahrungen von trans* Männern sprechen, weshalb es extrem wichtig ist, dass sie mit in die Konversation aufgenommen werden und mitsprechen können und dürfen.

Es gibt da aber auch noch einen weiteren Punkt, der vielleicht nicht ganz offensichtlich ist: Dadurch, dass unsere Gesellschaft alles was „weiblich“ ist oder was Frauen™ betrifft, als etwas Schlechtes sieht, wird über das Thema kaum bis garnicht gesprochen. Die Implikationen davon sind zu viele, um sie noch in diesem Eintrag zu besprechen, aber die Auswirkungen dürfen trotzdem nicht übersehen oder weggelassen werden. Allen wird, direkt oder indirekt, beigebracht, dass Menstruation eklig sei und ein Tabu-Thema, über das nicht gesprochen wird. Das sorgt dann auch dafür, dass alle, die von der Gesellschaft nicht als „weiblich“ eingestuft werden, sich aber mit dem Thema beschäftigen, seltsame Blicke ernten oder sogar mit Gewalt rechnen müssen. Das verhindert oft, dass trans* Männer einfachen Zugang zu Menstruationshygieneprodukten haben, aber auch, dass sich cis Männer mit dem Thema beschäftigen. Das sorgt für Vorurteile wie „Die sollen halt einfach lernen, die Blase zu halten, wie wir das auch können“ oder Sprüche wie „die hat ihre Tage, pass auf, die ist bissig“ oder „die hat schon wieder ihre Tage, können wir nichtmal Sex haben“. Es sorgt aber leider auch dafür, dass alle Menschen kaum etwas über Menstruation wissen. Mögliche Produkte und deren Probleme (TSS, Müll) und Lösungen für diese Probleme (Menstruationstassen, wiederverwendbare Pads) aber auch mögliche Beschwerden wie z.B. Schmerzen werden oft nicht ernst genommen.

Ich hoffe, dass es in Zukunft besser wird, aber vielleicht bin ich auch etwas naiv. Es würde aber definitiv allen Menschen zugute kommen, wenn wir als Gesellschaft endlich begreifen, dass nicht nur cis Frauen menstruieren. Und wenn wir Menstruation mit allen (blutigen) Details enttabuisieren. Dann kommt es vielleicht zu weniger Situationen, in denen eine Person heimlich
nach einem Tampon fragen muss, sondern offen fragen kann. Oder noch besser: Auf allen(!) Toiletten Tampons und Pads zur Verfügung stehen. Und an alle Menschen, die nicht menstruieren: Tampons und Pads sind nicht giftig oder sowas. Das ist größtenteils einfach nur Watte und ein bischen was drumrum. Und nein, wir täuschen die Schmerzen nicht vor. Und wenn du eben mal
kein Sex haben kannst, ist das eben so. Deal with it!

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Menstruation

Veröffentlicht von

tuex

Enby, Ace und definitiv queer.

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